RealityExplorer 144 Unterstützen
RealityExplorer
Substanzen
Koffein Amphetamin Kokain Psilocybin LSD Alkohol GHB / GBL MDMA Cannabis Benzodiazepine Tramadol SSRI Anabole Steroide Ketamin
Klassen
Stimulanzien Depressiva Psychedelika Dissoziativa Opioide Entaktogene Antidepressiva Cannabinoide Anabole Steroide
Werkzeuge
Wechselwirkungen Wissen Nachweisbarkeit Länder Volltextsuche Matrix Medikamente Wie lange noch Glossar Wie wir einstufen Spenden
Notruf
144 · 112

Bewusstlosigkeit, Krampfanfall, Atemnot — sofort anrufen.

substanzen / opioide / verschreibungspflichtig / tramadol

Tramadol

C₁₆H₂₅NO₂
Opioid Entwurf · ungeprüft

Wirkt auf drei Wegen gleichzeitig: opioid, serotonerg und krampfschwellensenkend. Genau deshalb ist es die gefährliche Hälfte von mehr Kombinationen als jede andere Substanz hier.

Drei Wirkungen in einem Molekül — und die dritte kennt kaum jemand

Tramadol dämpft die Atmung wie jedes Opioid. Es wirkt zugleich serotonerg wie ein Antidepressivum. Und es senkt die Krampfschwelle, schon in therapeutischen Mengen. Wer es für ein gewöhnliches Schmerzmittel hält, rechnet mit keinem dieser drei — und genau das ist der Grund, warum es hier häufiger als gefährliche Hälfte auftaucht als jede andere Substanz.

Beschreibt Wirkungen und Risiken, empfiehlt keinen Konsum, ersetzt keine ärztliche Beratung. Verschreibungspflichtig; nichts hier ersetzt die Entscheidung darüber, ob und wie es genommen wird.

Wann davon abzuraten ist

Abraten

Zusammen mit Alkohol, Benzodiazepinen, Ketamin oder anderen Dämpfenden. Atemdepression addiert sich über verschiedene Wege.

Abraten

Zusammen mit serotonergen Wirkstoffen — SSRI, SNRI, MAO-Hemmer, MDMA, Triptane. Serotoninsyndrom.

Abraten

Bei Krampfleiden oder in Kombination mit anderen Stoffen, die die Krampfschwelle senken.

Vorsicht

Der Abbau schwankt genetisch stark. Ein Teil der Bevölkerung bildet ein Vielfaches des wirksamen Abbauprodukts — bei gleicher Menge.

Wirkung

körperlich und kognitiv
Körperlich
sinkt
Schmerzempfinden

Die erwünschte Wirkung — bei einem Teil der Menschen allerdings kaum, aus einem Grund, der unter Pharmakologie steht.

sinkt
Atmung

Schwächer und langsamer. Allein bei üblichen Mengen selten kritisch, zusammen mit anderen Dämpfenden schon.

sinkt
Pupillen

Eng bis stecknadelklein. Das verlässlichste Zeichen einer Opioidwirkung.

steigt
Übelkeit

Sehr häufig, besonders am Anfang und im Stehen.

sinkt
Krampfschwelle

Tramadol senkt sie deutlicher als andere Opioide. Krampfanfälle sind auch bei verordneten Mengen beschrieben.

sinkt
Darmtätigkeit

Verstopfung ist die Nebenwirkung, die nicht nachlässt — auf sie stellt sich der Körper nicht ein.

Kognitiv
sinkt
Aufmerksamkeit und Reaktionszeit

Über Stunden, und bei retardierten Formen über den ganzen Tag. Fahrtüchtigkeit ist hier eine ernste Frage.

in beide Richtungen
Stimmung

Der serotonerge Anteil kann aufhellen. Genau das macht die Abgrenzung zwischen Schmerzmittel und Stimmungsmittel unscharf.

sinkt
Schlaf

Der Traumschlaf wird unterdrückt, ähnlich wie bei Alkohol.

steigt
Verlangen nach mehr

Tramadol gilt als schwaches Opioid und wird deshalb leichter verschrieben. Eine Abhängigkeit entsteht trotzdem, und sie wird spät erkannt.

Tramadol wirkt auf zwei Wegen zugleich — als Opioid und als Antidepressivum. Fast alles, was hier ungewöhnlich ist, folgt aus dieser Doppelnatur.

Dosierung

therapeutische bereiche, oral
Anwendung Menge Anmerkung
Einzeldosis, unretardiert50–100 mgübliche Verordnung bei akuten Schmerzen
Retardiert100–200 mgzweimal täglich, längere Freisetzung
Tagesmaximum400 mgHerstellerangabe für Erwachsene
Ab etwa 500 mgKrampfanfälle sind ab dieser Größenordnung beschrieben
Mit Dämpfenden oder Serotonergemkeine sichere MengeAtemdepression, Krampfanfall oder Serotoninsyndrom

Tabelle seitlich verschiebbar →

Therapeutische Bereiche aus der Fachinformation, keine Konsumangaben. Sie stehen hier, weil die Frage „ab wann wird es gefährlich“ ohne sie nicht zu beantworten ist.

!

Der Abbau ist genetisch sehr unterschiedlich. Tramadol selbst wirkt kaum; die opioide Wirkung kommt fast vollständig von einem Abbauprodukt, das über das Enzym CYP2D6 entsteht. Ein Teil der Bevölkerung bildet davon ein Vielfaches, ein anderer fast nichts. Für die einen wirkt dieselbe Tablette gar nicht, für die anderen wie eine deutlich höhere Opioiddosis — und niemand weiß vorher, zu welcher Gruppe er gehört. Manche Antidepressiva blockieren dasselbe Enzym und verschieben das Bild zusätzlich.

Wirkdauer

Anflutung
30–60 min
Peak
2–3 h
Wirkung
4–6 h
Nachwirkung
6–12 h
Anflutung 60 min Peak 3 h Einnahme 2.4 h 4.8 h 7.2 h 9.6 h

Der zeitliche Verlauf, nicht die Stärke: die Höhe ist der Anteil am eigenen Höhepunkt und hat keine Einheit. Sie stammt aus denselben vier Werten wie die Tabelle darüber — die obere Grenze jeder Spanne, also der längere der beiden Verläufe. Die Nachwirkung reicht über die Achse hinaus, bis 18 h nach der Einnahme.

Retardierte Formen setzen über zwölf Stunden frei — sie zu teilen oder zu zermörsern hebt diese Verzögerung auf und macht aus einer Tagesdosis eine Einzeldosis. Das ist einer der häufigsten schweren Fehler mit diesem Wirkstoff.

Pharmakologie

was im Körper geschieht
Zwei Wirkungen in einer Tablette

Tramadol wirkt schwach am µ-Opioidrezeptor und hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin — es ist also zugleich ein Opioid und etwas, das einem Antidepressivum ähnelt. Daraus folgt beides: das Risiko eines Serotoninsyndroms, das andere Opioide nicht haben, und die abgesenkte Krampfschwelle.

Der Umweg über das Enzym

Tramadol selbst bindet nur schwach am Opioidrezeptor. Die eigentliche schmerzstillende Wirkung kommt vom Abbauprodukt O-Desmethyltramadol, das etwa zweihundertfach stärker bindet — und das entsteht über CYP2D6. Wer dieses Enzym von Geburt an kaum hat, etwa jeder Zwanzigste, spürt kaum eine Schmerzwirkung. Wer besonders viel davon hat, erreicht unerwartet hohe Spiegel. Bei derselben Tablette.

Warum SSRI hier hineinspielen

Paroxetin und Fluoxetin blockieren genau dieses Enzym. Unter ihnen entsteht weniger vom wirksamen Abbauprodukt: der Schmerz bleibt, während der serotonerge Anteil unverändert da ist und sich mit dem Antidepressivum addiert. Wer dann nachlegt, weil es nicht hilft, erhöht ausschließlich das Risiko.

Aufnahme und Dauer

Oral gut aufgenommen, Wirkbeginn nach 30 bis 60 Minuten, Halbwertszeit etwa fünf bis sechs Stunden, beim wirksamen Abbauprodukt etwas länger. Retardierte Tabletten geben den Wirkstoff über Stunden ab — werden sie geteilt oder zermörsert, wird eine Tagesmenge zu einer Einzeldosis.

Naloxon hebt den Opioidanteil auf, den serotonergen nicht. Bei einer Vergiftung mit Tramadol ist es deshalb nur die halbe Antwort — Krampfanfälle und Serotoninsyndrom bleiben davon unberührt. Das unterscheidet diese Substanz von allen anderen Opioiden und ist der Grund, warum sie hier eine eigene Seite hat.

Wechselwirkungen

7 erfasst
Gefährlich

Beide dämpfen die Atmung, und Alkohol senkt zusätzlich die Krampfschwelle. Ein Hauptmechanismus tödlicher Vergiftungen. Zur Kombination →

Gefährlich

Atemdepression über zwei verschiedene Wege — deshalb hilft keine Gewöhnung an einen von beiden. Zur Kombination →

Gefährlich

Serotoninsyndrom, und viele SSRI blockieren zugleich das Enzym, das Tramadol wirksam macht. Zwei Risiken in einer Kombination. Zur Kombination →

MAO-Hemmer
Gefährlich

Lebensgefährliches Serotoninsyndrom. Betrifft auch pflanzliche MAO-Hemmer.

Gefährlich

Serotonerge Wirkung plus gesenkte Krampfschwelle. Krampfanfälle sind beschrieben. Zur Kombination →

Gefährlich

Atemdepression addiert sich, die dissoziative Wirkung verschleiert die Warnzeichen. Zur Kombination →

Gefährlich

Sehr enge Sicherheitsspanne bei GHB, dazu Atemdepression von beiden Seiten. Zur Kombination →

Was darüber hinaus gilt

Naloxon — das Gegenmittel bei Opioiden

Hebt eine Opioid-Überdosis innerhalb von Minuten auf. Es ist das einzige Gegenmittel, das es in diesem Feld gibt — und das einzige, das jemand ohne Ausbildung anwenden kann.

Stabile Seitenlage — Schritt für Schritt

Bei jeder bewusstlosen Person, die normal atmet. Sie verhindert genau das, woran in diesem Feld die meisten Menschen sterben: Ersticken am eigenen Erbrochenen.

Toleranz und Kreuztoleranz

Toleranz baut sich ungleichmäßig auf: die erwünschte Wirkung verschwindet schneller als die gefährliche. Und ihr Verlust ist gefährlicher als ihr Aufbau.

Wenn es schwierig wird

Zwei verschiedene Notfälle, die sich unterscheiden lassen müssen:

01

Flache Atmung, stecknadelkleine Pupillen, nicht erweckbar — das ist die Opioidseite. 144 (AT) oder 112 (EU), stabile Seitenlage, Naloxon falls vorhanden.

02

Zuckungen, Versteifung, Bewusstseinsverlust — Krampfanfall. Umgebung räumen, nichts in den Mund, Zeit stoppen. Über fünf Minuten: Notruf. Danach in jedem Fall Rettungsdienst.

03

Zittern, Fieber, gesteigerte Reflexe, Unruhe — Serotoninsyndrom. Kühlen, Notruf, und beides angeben: Tramadol und was sonst genommen wurde.

04

Naloxon hebt nur den Opioid-Anteil auf. Krampfanfall und Serotoninsyndrom bleiben davon unberührt — der Notruf ersetzt sich dadurch nicht.

Toleranz

Aufbau
Wochen

Gegen die schmerzstillende Wirkung baut sich Toleranz auf, gegen die Atemdepression langsamer — der Abstand zwischen gewohnter und gefährlicher Menge schrumpft also.

Rückbildung
Tage bis Wochen

Körperliche Abhängigkeit entsteht auch in therapeutischer Anwendung. Der Entzug hat opioide und serotonerge Anteile zugleich und verläuft dadurch oft ungewöhnlich — Absetzen gehört ärztlich begleitet.

Woher es kommt

Grünenthal Synthese 1962, Markt 1977
Pharmaunternehmen · Stolberg bei Aachen

Dieselbe Firma, die vier Jahre zuvor Contergan auf den Markt gebracht hatte. Der einzelne Chemiker hinter Tramadol ist in den Quellen nicht prominent überliefert — anders als bei fast allen anderen Substanzen hier ist es eine Firmengeschichte und keine Personengeschichte.

1962
Synthese bei Grünenthal

Gesucht war ein Schmerzmittel mit der Wirkung eines Opioids und ohne dessen Abhängigkeitspotenzial. Herausgekommen ist eines mit beidem — nur schwächer.

1977
Als Tramal im Handel

Es gilt lange als „schwaches“ Opioid und wird deshalb in vielen Ländern nicht dem Betäubungsmittelrecht unterstellt. Diese Einstufung ist der Grund, warum es so breit verschrieben wird.

ab 2000
Die Neubewertung

Berichte über Abhängigkeit, Krampfanfälle und Serotoninsyndrom häufen sich. Mehrere Länder ziehen die Regeln nach; die Wahrnehmung als harmloses Schmerzmittel bleibt.

Warum das hier steht: Die Einstufung als „schwach“ ist der Kern des Problems: sie hat dafür gesorgt, dass Tramadol in Hausapotheken liegt, in denen kein Mensch ein Opioid vermuten würde — und dass es in der eigenen Rechnung nicht auftaucht, wenn etwas dazukommt.

Jahreszahlen und Namen sind Angaben wie alle anderen auf dieser Seite und noch nicht belegt.

Struktur

Strukturformel von 2-[(Dimethylamino)methyl]-1-(3-methoxyphenyl)cyclohexan-1-ol OH N O
C₁₆H₂₅NO₂ 2-[(Dimethylamino)methyl]-1-(3-methoxyphenyl)cyclohexan-1-ol

Belege

Diese Seite ist ein Entwurf und noch nicht belegt
[1][BELEG EINSETZEN — Fachinformation Tramadol, aktuelle Fassung]
[2][BELEG EINSETZEN — CYP2D6-Polymorphismus und Tramadolwirkung, Übersichtsarbeit]
[3][BELEG EINSETZEN — Krampfanfälle unter Tramadol, Fallserien]
[4][BELEG EINSETZEN — Serotoninsyndrom unter Tramadol in Kombination]
Diese Seite finanziert sich durch Spenden

Keine Werbung, keine Konten, keine Messung — und deshalb keine anderen Einnahmen.

Unterstützen